Projekt in Berlin: Wie Flüchtlinge Demokratie lernen

Flüchtlingen die deutsche Demokratie erklären – dieses Ziel hat sich die Organisation Transaidency gesetzt.
Ein Workshop soll den Geflüchteten helfen, sich in der politischen Landschaft Deutschlands besser zurechtzufinden – eine symbolische Bundestagswahl inklusive.

Vor den Fenstern des Kinderzimmers in der Notunterkunft in Berlin-Moabit scheint die Sonne. An den Wänden hängen neben Pferde-Postern Merkzettel mit deutschen Worten wie „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“. Hier, in diesem hellblau gestrichenen Raum voller Spielzeug, wollen Mohamed Ibrahim und Ayham Issa Flüchtlingen die deutsche Demokratie näherbringen.

Hilfe nicht nur für Geflüchtete

„Dein Kiez zählt & wählt! Demokratie leicht gemacht“ heißt der Workshop. Organisiert wird er von der Organisation Transaidency. Jouanna Hassoun, Vorstandsmitglied, blickt sich prüfend im Raum um. „Die Menschen hier dürfen vielleicht jetzt noch nicht wählen, aber vielleicht in fünf Jahren.“ Je früher sie sich Wissen aneignen würden, desto besser.

Transaidency versteht sich selbst als humanitäre Hilfsorganisation, die sich 2016 im Rahmen der steigenden Flüchtlingszahlen gegründet hat. Neben Aktionen der Flüchtlingshilfe werden auch Jugendliche aus Problembezirken in Berlin und Köln unterstützt. Die Organisation hilft ihnen dabei, sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden. „Es gibt viele Themen, die uns gleichermaßen am Herzen liegen, uns nur für eine Thematik zu entscheiden kam daher nicht in Frage“, heißt es auf der Website.

Workshopleiter mit eigener Geschichte

In Moabit betreten nun nach und nach Männer mit unsicherem Blick den Raum. Sie setzen sich in den Stuhlkreis und werden von den Workshopleitern Mohamed und Ayham begrüßt. Mohamed Ibrahim war Gründungsmitglied und zwei Jahre lang Sprecher des AKMS, des Arbeitskreises muslimischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Er ist selbst vor mehr als 40 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet. „Es ist wichtig, den Menschen zu helfen, die neu in dieses Land kommen“, sagt er. „Damals gab es noch keine Vereine, die uns geholfen haben, sich hier zurechtzufinden.“ Einen Monat habe es damals gedauert, die Adresse eines Amtes herauszufinden, ohne dass man gewusst habe, ob es überhaupt das richtige Amt sei.

Ayham Issa ist, wie die meisten seiner Zuhörer, erst seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Er stammt aus Syrien, ist 32 Jahre alt und Jurist. Nach Deutschland gekommen ist er „auf dem üblichen Weg.“ Türkei, Griechenland, Serbien, Österreich, dann Deutschland.

Sprache ist (fast) kein Problem

Beide Männer wollen den Workshopteilnehmern heute zumindest die Grundzüge der deutschen Demokratie erklären. Bevor aber über Politik geredet wird, gibt es eine Kennenlernrunde. Die Männer sprechen fast alle ein sicheres Deutsch, eine Übersetzung ins Arabische ist nur selten nötig. Mal mehr, mal weniger selbstbewusst erzählen sie ihre Geschichten.

Da ist Amir, der schon seit 28 Jahren in Deutschland ist, eigentlich in Hamburg lebt und nun seit drei Wochen in Berlin ist, um auf die Anhörung zu seinem Asylantrag zu warten. Früher war er Gewichtheber und zeigt stolz die Fotos aus dieser Zeit in die Runde.

Hussein ist mit seiner Frau und seinen drei Söhnen vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er arbeitet in Teilzeit in einer Schneiderei, wie auch schon in seinem Heimatland. In seiner Freizeit geht er schwimmen oder spielt Schach. Was er sich am meisten wünscht? „Eine eigene Wohnung für mich und meine Familie.“

Ramir ist 31 Jahre alt und kommt aus Daraa im Südwesten Syriens. Er hat einen Bachelor als Agraringenieur und einen Master aus dem Bereich Umwelt. In Syrien arbeitete er zwei Jahre lang für das Agrarministerium. Seit eineinhalb Jahren ist er in Deutschland. Im Moment bereitet er sich auf eine Sprachprüfung vor, um eine Universität besuchen zu können. „Das ist viel Arbeit.“, sagt er. Die anderen in der Runde nicken lebhaft – sie kennen das Problem. Die Stimmung lockert auf und die Männer entspannen sich. Zeit, ins Thema einzusteigen.

Die Bestandteile einer Demokratie

„Was ist Demokratie?“ Auf die Frage von Mohamed Ibrahim kommt von drei Seiten gleichzeitig und wie aus der Pistole geschossen eine einstimmige Antwort: „Freiheit!“ Was diese Freiheit für ihn beinhaltet, erklärt Amir an dem Negativbeispiel seines Heimatlandes Iran: „Man darf in Deutschland sagen und schreiben, was man denkt“, sagt er. Im Iran ginge das nicht. „Demokratie bedeutet also Meinungs- und Pressefreiheit?“, fragt Mohamed in die Runde. Nicken. Was noch? „Die Frauen im Iran müssen auf der Straße Kopftuch tragen und dürfen das nicht selbst entscheiden. Die sind nicht frei.“ „Also Gleichberechtigung?“ Wieder Zustimmung.

„Armut!“, kommt es von Nabi, 36, aus Afghanistan. „Wenn es viel Armut gibt, ist es keine Demokratie.“ „In Deutschland gibt es aber auch viel Armut“, sagt Mohamed provokativ. „Heißt das, Deutschland ist keine Demokratie?“ In der Runde werden Augen verdreht. „Doch, natürlich! Wenn man in Deutschland arm ist, hilft der Staat“, erklärt Abdul, 25 Jahre alt und aus Damaskus. Wenn man in Syrien arm würde, helfe einem niemand.

Bundestagswahl 2017: Warum wählen wichtig ist

Im Anschluss geht es um die anstehende Bundestagswahl 2017. „In Deutschland kann jeder den wählen, den er möchte“, sagt Amir. Schnell wird herausgearbeitet, was eine Wahl sein muss, damit sie demokratisch ist: frei, gleich, geheim, unmittelbar und allgemein, wobei Ayham und Mohamed die letzten beiden Punkte erläutern müssen, sowohl auf Deutsch, als auch auf Arabisch.

So etwas wie demokratische Wahlen gibt es in den Heimatländern der Flüchtlinge nicht. Die Männer erzählen von Korruption, von fehlender Gleichberechtigung in den Parlamenten, von Wahlbetrug und von der Gefahr, die besteht, wenn man sein Kreuz an der falschen Stelle setzt. Sie alle sind sich einig: Demokratie ist gut, in einer Demokratie wie Deutschland wollen sie leben. „Um so was wie diese Demokratie am Leben zu halten, muss man wählen gehen.“, sagt Mohamed. Wenn es zu viele Nichtwähler gäbe, könne es passieren, dass Menschen an die Macht kämen, di

 

e Demokratie eigentlich gar nicht wollen. „So wie es damals in Deutschland mit Hitler passiert ist.“

Politische Teilhabe beginnt nicht erst beim Wahlrecht

Dann erklären Mohamed und Ayham den Unterschied zwischen kommunalen und bundesweiten Wahlen, zwischen Erst- und Zweitstimme. Sie erläutern den Föderalismus und nennen die wichtigsten Parteien in Deutschlands politischer Landschaft. Die Männer hören interessiert zu. Als Mohamed die CDU erwähnt, ist die erste Assoziation klar: „Angela Merkel!“

Zum Abschluss unterstreichen Mohamed und Ayham die Wichtigkeit von politischer Partizipation und verweisen gleichzeitig auf eine symbolische Wahl, die Transaidency Mitte September für die Bewohner des Flüchtlingsheims organisiert. „Ihr lebt jetzt in Deutschland und wollt ein Teil dieser Gesellschaft werden und dazu gehört auch die Politik“, sagt Mohamed am Ende. Teilhabe beginne nicht erst bei den Wahlen, sondern schon wenn man sich über diese Themen informiere.

Das Fazit des Tages? Positiv! „Wir sehen auf jeden Fall, dass Interesse von Seiten der Flüchtlinge besteht, sich mit dem Thema Politik und Wahlen auseinander zu setzen“, sagt Mohamed. „Das ist für uns ein Signal, Workshops dieser Art weiter anzubieten und auszuweiten.“

Flüchtlingen die deutsche Demokratie erklären – diese
s Ziel hat sich die Organisation Transaidency gesetzt. Ein Workshop soll den Geflüchteten helfen, sich in der politischen Landschaft Deutschlands besser zurechtzufinden – eine symbolische Bundestagswahl inklusive.

Vor den Fenstern des Kinderzimmers in der Notunterkunft in Berlin-Moabit scheint die Sonne. An den Wänden hängen neben Pferde-Postern Merkzettel mit deutschen Worten wie „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“. Hier, in diesem hellblau gestrichenen Raum voller Spielzeug, wollen Mohamed Ibrahim und Ayham Issa Flüchtlingen die deutsche Demokratie näherbringen.

Hilfe nicht nur für Geflüchtete

„Dein Kiez zählt & wählt! Demokratie leicht gemacht“ heißt der Workshop. Organisiert wird er von der Organisation Transaidency. Jouanna Hassoun, Vorstandsmitglied, blickt sich prüfend im Raum um. „Die Menschen hier dürfen vielleicht jetzt noch nicht wählen, aber vielleicht in fünf Jahren.“ Je früher sie sich Wissen aneignen würden, desto besser.

Transaidency versteht sich selbst als humanitäre Hilfsorganisation, die sich 2016 im Rahmen der steigenden Flüchtlingszahlen gegründet hat. Neben Aktionen der Flüchtlingshilfe werden auch Jugendliche aus Problembezirken in Berlin und Köln unterstützt. Die Organisation hilft ihnen dabei, sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden. „Es gibt viele Themen, die uns gleichermaßen am Herzen liegen, uns nur für eine Thematik zu entscheiden kam daher nicht in Frage“, heißt es auf der Website.

Workshopleiter mit eigener Geschichte

In Moabit betreten nun nach und nach Männer mit unsicherem Blick den Raum. Sie setzen sich in den Stuhlkreis und werden von den Workshopleitern Mohamed und Ayham begrüßt. Mohamed Ibrahim war Gründungsmitglied und zwei Jahre lang Sprecher des AKMS, des Arbeitskreises muslimischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Er ist selbst vor mehr als 40 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet. „Es ist wichtig, den Menschen zu helfen,

die neu in dieses Land kommen“, sagt er. „Damals gab es noch keine Vereine, die uns geholfen haben, sich hier zurechtzufinden.“ Einen Monat habe es damals gedauert, die Adresse eines Amtes herauszufinden, ohne dass man gewusst habe, ob es überhaupt das richtige Amt sei.

Ayham Issa ist, wie die meisten seiner Zuhörer, erst seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Er stammt aus Syrien, ist 32 Jahre alt und Jurist. Nach Deutschland gekommen ist er „auf dem üblichen Weg.“ Türkei, Griechenland, Serbien, Österreich, dann Deutschland.

Sprache ist (fast) kein Problem

Beide Männer wollen den Workshopteilnehmern heute zumindest die Grundzüge der deutschen Demokratie erklären. Bevor aber über Politik geredet wird, gibt es eine Kennenlernrunde. Die Männer sprechen fast alle ein sicheres Deutsch, eine Übersetzung ins Arabische ist nur selten nötig. Mal mehr, mal weniger selbstbewusst erzählen sie ihre Geschichten.

Da ist Amir, der schon seit 28 Jahren in Deutschland ist, eigentlich in Hamburg lebt und nun seit drei Wochen in Berlin ist, um auf die Anhörung zu seinem Asylantrag zu warten. Früher war er Gewichtheber und zeigt stolz die Fotos aus dieser Zeit in die Runde.

Hussein ist mit seiner Frau und seinen drei Söhnen vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er arbeitet in Teilzeit in einer Schneiderei, wie auch schon in seinem Heimatland. In seiner Freizeit geht er schwimmen oder spielt Schach. Was er sich am meisten wünscht? „Eine eigene Wohnung für mich und meine Familie.“

Ramir ist 31 Jahre alt und kommt aus Daraa im Südwesten Syriens. Er hat einen Bachelor als Agraringenieur und einen Master aus dem Bereich Umwelt. In Syrien arbeitete er zwei Jahre lang für das Agrarministerium. Seit eineinhalb Jahren ist er in Deutschland. Im Moment bereitet er sich auf eine Sprachprüfung vor, um eine Universität besuchen zu können. „Das ist viel Arbeit.“, sagt er. Die anderen in der Runde nicken lebhaft – sie kennen das P

roblem. Die Stimmung lockert auf und die Männer entspannen sich. Zeit, ins Thema einzusteigen.

Die Bestandteile einer Demokratie

„Was ist Demokratie?“ Auf die Frage von Mohamed Ibrahim kommt von drei Seiten gleichzeitig und wie aus der Pistole geschossen eine einstimmige Antwort: „Freiheit!“ Was diese Freiheit für ihn beinhaltet, erklärt Amir an dem Negativbeispiel seines Heimatlandes Iran: „Man darf in Deutschland sagen und schreiben, was man denkt“, sagt er. Im Iran ginge das nicht. „Demokratie bedeutet also Meinungs- und Pressefreiheit?“, fragt Mohamed in die Runde. Nicken. Was noch? „Die Frauen im Iran müssen auf der Straße Kopftuch tragen und dürfen das nicht selbst entscheiden. Die sind nicht frei.“ „Also Gleichberechtigung?“ Wieder Zustimmung.

„Armut!“, kommt es von Nabi, 36, aus Afghanistan. „Wenn es viel Armut gibt, ist es keine Demokratie.“ „In Deutschland gibt es aber auch viel Armut“, sagt Mohamed provokativ. „Heißt das, Deutschland ist keine Demokratie?“ In der Runde werden Augen verdreht. „Doch, natürlich! Wenn man in Deutschland arm ist, hilft der Staat“, erklärt Abdul, 25 Jahre alt und aus Damaskus. Wenn man in Syrien arm würde, helfe einem niemand.

Bundestagswahl 2017: Warum wählen wichtig ist

Im Anschluss geht es um die anstehende Bundestagswahl 2017. „In Deutschland kann jeder den wählen, den er möchte“, sagt Amir. Schnell wird herausgearbeitet, was eine Wahl sein muss, damit sie demokratisch ist: frei, gleich, geheim, unmittelbar und allgemein, wobei Ayham und Mohamed die letzten beiden Punkte erläutern müssen, sowohl auf Deutsch, als auch auf Arabisch.

So etwas wie demokratische Wahlen gibt es in den Heimatländern der Flüchtlinge nicht. Die Männer erzählen von Korruption, von fehlender Gleichberechtigung in den Parlamenten, von Wahlbetrug und von der Gefahr, die besteht, wenn man sein Kreuz an der falschen Stelle setzt. Sie alle sind sich einig: Demokratie ist gut, in einer Demokratie wie Deutschland wollen sie leben. „Um so was wie diese Demokratie am Leben zu halten, muss man wählen gehen.“, sagt Mohamed. Wenn es zu viele Nichtwähler gäbe, könne es passieren, dass Menschen an die Macht kämen, die Demokratie eigentlich gar nicht wollen. „So wie es damals in Deutschland mit Hitler passiert ist.“

Politische Teilhabe beginnt nicht erst beim Wahlrecht

Dann erklären Mohamed und Ayham den Unterschied zwischen kommunalen und bundesweiten Wahlen, zwischen Erst- und Zweitstimme. Sie erläutern den Föderalismus und nennen die wichtigsten Parteien in Deutschlands politischer Landschaft. Die Männer hören interessiert zu.Als Mohamed die CDU erwähnt, ist die erste Assoziation klar: „Angela Merkel!“

Zum Abschluss unterstreichen Mohamed und Ayham die Wichtigkeit von politischer Partizipation und verweisen gleichzeitig auf eine symbolische Wahl, die Transaidency Mitte September für die Bewohner des Flüchtlingsheims organisiert. „Ihr lebt jetzt in Deutschland und wollt ein Teil dieser Gesellschaft werden und dazu gehört auch die Politik“, sagt Mohamed am Ende. Teilhabe beginne nicht erst bei den Wahlen, sondern schon wenn man sich über diese Themen informiere.

Das Fazit des Tages? Positiv! „Wir sehen auf jeden Fall, dass Interesse von Seiten der Flüchtlinge besteht, sich mit dem Thema Politik und Wahlen auseinander zu setzen“, sagt Mohamed. „Das ist für uns ein Signal, Workshops dieser Art weiter anzubieten und auszuweiten.“Quelle:https://www.vorwaerts.de/artikel/projekt-berlin-fluechtlinge-demokratie-lernen

 

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