„Freundschaft ist eine Sprache“ – Laudatio von Sasha Salzmann zum 10-jährigen Jubiläum von Transaidency

Wir feiern heute das zehnjährige Jubiläum einer Vision von Welt, in der alle einen Platz haben. Wir feiern heute 10 Jahre Freudentränen und Tränen der Verzweiflung. Wir feiern 10 Jahre Arbeit daran, den Mut nicht zu verlieren in einer Welt, die immer kälter und feindseliger wird. Wenn ich darüber nachdenke, was es braucht, um diesen Kraftakt zu meistern, so fällt mir als Erstes ein: die gemeinsame Sprache. Und damit meine ich natürlich nicht eine Nationalsprache. Ich meine damit eine Übereinkunft über die gemeinsamen Ziele, über gemeinsame Werte. Und ich glaube, dass Freundschaft als Haltung dabei essentiell wichtig ist. Mit Freundschaft meine ich nicht die platonische Verliebtheit ineinander. Ich meine die politische Freundschaft. Sie ist die Sprache, die uns einen muss. 

Was ist ihre Grammatik? Wie ist ihr Vokabular? Woraus besteht sie? 

Viele von uns wissen, was es heißt, eine neue Sprache zu lernen. Die meisten von uns haben die Erfahrung gemacht, dass ihnen Worte fehlen. Dieses Gefühl des Mangels ist mit nichts anderem vergleichbar. Das Gefühl des Nicht-Dazugehörens, des Ausgestoßen-seins. Das Gefühl, verloren zu gehen. Dagegen kennen wir alle die Erleichterung, mit anderen eine Sprache zu teilen. In ihr gemeinsam mit anderen Freude oder Wut zu empfinden. Zu wissen, wie man um Hilfe bittet, wie man Liebe ausdrückt, und dabei nicht nach Wörtern suchen, nicht stocken und nicht stottern muss. Und wenn man sich anschreit, so tut man es in Worten, von denen man sicher sein kann, dass die Botschaft ankommt.

Wir werden nicht mit einer Sprache geboren. Sprache, SprachEN überhaupt, wachsen uns. Wie Haare, wie Nägel. Wie Muskeln. Ihre Bestandteile entwickeln sich, erneuern sich, sie müssen trainiert werden, brauchen Nährstoffe. Und ich denke, das alles gilt für Freundschaft auch.

Ich bin nicht in diesem Land geboren, aber ich bin – von meinem 10. Lebensjahr an – hier aufgewachsen, und viele Sprachen dominierten mein Umfeld: Russisch, Türkisch, Arabisch, Kurdisch, Rumänisch … Aber Mehrsprachigkeit war nicht primär das, was uns Kinder damals in der niedersächsischen Provinz einte. Es war der Umstand, dass wir von den Gefahren dieser Welt schon viel früher wussten und dass wir uns entschieden – manche von uns sich entschieden – nicht für die Freude der Massen gegeneinander zu spielen, sondern füreinander da zu sein, wenn man uns braucht. 

Ja natürlich, wir stritten uns, wir schrien uns an, wir warfen uns Dummheiten an den Kopf. Was Kinder eben so tun. Was auch Erwachsene eben so tun. Aber manche von uns machten schon damals eine essentielle Erfahrung: Ganz gleich wie unterschiedlich wir aussehen, ganz gleich, zu wem unsere Eltern und wir selbst beten oder nicht beten, ganz gleich, wer wir später werden wollen (Ärztin, Millionärin, Superstar), die Grundregel muss heißen: Wenn eine*r von uns angegriffen wird, so geht das uns alle an. Wenn wir diese Regel beachten, kriegt man uns nicht klein, kann man uns nicht brechen. 

Ich habe neulich bei Carolin Emcke gelesen: „Unsere wechselseitige Verletzbarkeit ist die conditio humana. Wir sind sprachliche Wesen, was wir einander (sprachlich und nicht sprachlich) antun, wie wir einander verletzen, wie wir dadurch entstellt werden können, das prägt und bindet uns. Und wie wir einander beschützen, wie wir einander anerkennen, … das prägt und bindet uns. Unsere wechselseitige Verletzbarkeit ist das, was uns gemeinsam ist.“ Aus diesem Gedanken heraus gilt es zu handeln: wir wissen um unsere Verletzbarkeit. Wir sind für einander da, nicht weil wir zu derselben Identitätsgruppe gehören. Sondern weil wir unsere Menschlichkeit gegenseitig anerkennen. 

Ich habe in diesen meinen ersten Jahren in Deutschland – und es begleitet mich bis heute – auch gelernt, dass es Menschen gibt, die Juden nur in Opposition zu Moslems denken können und umgekehrt. Menschen, die auf die Trennung zwischen Moslems und Juden bestehen. Als handele es sich hierbei um ein Entweder-Oder. Entweder man ist mit den einen solidarisch oder mit den anderen. Selbstverständlich geht es bei diesen Zuordnungen nicht um echte Menschen, sondern um die bloße Vorstellung davon, was ein Moslem ist und was ein Jude. Und was ein Christ. Oft waren meine Freund*innen nicht eingeladen zu jenen Partys, auf denen ich willkommen war. Aber sie kamen im Gespräch vor – als die Anderen. Als jene, die man ausgrenzen musste, um zu wissen, wer man selber war. Das begann ich als Kind zu verstehen. Und als Erwachsener habe ich irgendwann begriffen, dass diese Dynamik (des Othering) nicht aufhören wird. Dass die permanente Zerreißprobe, auf die wir Minderheiten in dieser Gesellschaft gestellt werden, nur bestanden werden kann, wenn wir nicht unterschiedliche, sondern eine gemeinsame Sprache sprechen – die wir uns selbst wählen, deren Regeln wir selber bestimmen und die wir alle einladen mitzusprechen. Damit wir nicht in dem babylonischen Sprachengewirr, in das wir hineingeworfen wurden, verloren gehen.

Ich bin davon überzeugt, dass diese Sprache den Namen Freundschaft trägt. Manch andere werden sie Allianz oder Brückenbauen nennen. Der Name ist viel weniger wichtig als es die elementaren Bedingungen sind, nach denen diese Sprache funktioniert und die wir alle brauchen, um uns gegenseitig zu halten. Um nicht selbst auseinanderzufallen in die einen und die anderen und damit – dieses Land zerfallen zu lassen. Wir sind alle Bestandteile einer gemeinsamen Geschichte. Jede und jeder von uns schreibt an diesem Drehbuch mit. Das ist eine große Verantwortung, aber sie birgt auch eine große Schönheit. Stellt euch das hier als einen Writers Room vor. Wie soll der Plot nun also weitergehen?

Und wenn wir eine gemeinsame Sprache sprechen, woraus besteht ihre Grammatik? Aus Respekt. Aus der Neugierde aufeinander. Aus Geduld. Aus der Fähigkeit, sich gegenseitig zu verzeihen. Die Grammatik dieser Sprache wird bestimmt von der Lust, gemeinsam zu wachsen. Besser zu werden und über die Aussetzer, die wir auch haben, gemeinsam zu lachen. Sich erlauben, zu verzweifeln, und sich erlauben, Höhenflüge zu haben. Gemeinsam Fehler zu machen. Sich voreinander zu stellen, wenn der oder die andere gerade nicht mehr kann. Einander die Hand zu reichen. Oder sich einfach Komplimente zu machen. Einander zu gratulieren: Wow – 10 Jahre! Jouanna, Sibel, Samer … Unglaublich! 10 Jahre! Was habt ihr alles geschafft!

Dass es Transaidency gibt, ist der Beweis, dass wir in der Lage sind, eine solche Sprache zu sprechen. Und dass wir viele sind. Das wurde heute, meine ich, besonders klar. Dass wir nicht in dem babylonischen Sprachengewirr, das die einen von den anderen trennt, untergehen müssen. Transaidency ist der Grund, warum ich glaube, kein Traumtänzer zu sein. Transaidency sorgt nicht nur dafür, dass Menschen in Notlagen geholfen wird. Ihr als Team mit eurer Vision haltet einen Teil dieses Landes zusammen. Ihr haltet uns zusammen. 

Denn selbst wenn wir uns manchmal uneinig sind, selbst wenn wir uns anschreien, so werden wir darauf achten, dass wir es in unserer gemeinsamen Sprache tun. Wir werden aufeinander achtgeben. Wir werden wachsen und zwar gemeinsam. Und wenn wir scheitern, werden wir auch das gemeinsam tun. 

Ich bin Transaidency und allen ihren Akteur*innen unendlich dankbar, dass ich mit euch eine Sprache sprechen darf. Dass ihr uns das großzügige Geschenk macht, der Welt trotz ihrer Härte mit einem Vorschuss an Vertrauen zu begegnen. So etwas ist ansteckend. Ihr seid unser aller Inspiration.