Laudatio von Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, zum 10-jährigen Jubiläum von Transaidency

ich habe mich sehr darüber gefreut, als Jouanna mich gefragt hat, heute hier eine Laudatio zu halten. Denn ich bewundere, was Transaidency seit über zehn Jahren tut – was und vor allem wie sie es tun. 

Ich möchte Sie noch einmal mit zurücknehmen ins Jahr 2015, das in vielerlei Hinsicht die Weichen gestellt hat für die Welt, in der wir heute leben: die Briten entschieden damals, aus der EU auszutreten, in den USA gewann Donald Trump die Präsidentschaftswahl und in Deutschland erreichte die AfD zur Jahreswende erstmals zweistellige Umfragewerte. Aus Syrien flohen immer mehr Menschen vor Krieg und Gewalt, viele davon nach Deutschland. Das war lange absehbar, doch die deutschen Behörden waren trotzdem unvorbereitet. 

Das zeigte sich wie unter einem Brennglas im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz LAGeSo. Die Zeitschrift Stern nannte es im Dezember 2015 das „Hauptquartier einer Nicht-Willkommenskultur“, in dem „jeden Tag die Grundregeln unserer Gesellschaft mit Füßen getreten“ werden. 

Das Chaos am LAGeSo war für die einen ein willkommener Anlass, um gegen Schutzsuchende zu hetzen, gegen Angela Merkel und ihren Satz „Wir schaffen das“, gegen das Recht auf Asyl und überhaupt die Idee, dass Menschen anderen Menschen helfen sollten, wenn sie Hilfe brauchen. 

Andere dagegen haben angepackt, um die Not zu lindern. Zu ihnen gehörten Jouanna Hassoun und Samer Al-Magazachi. Gemeinsam mit Freund*innen organisierten sie eine medizinische Notfallversorgung für Geflüchtete. Und gründeten kurze Zeit darauf  Transaidency. Eine ihrer ersten Maßnahmen: die Winteraktion am LAGeSo. Mit privaten Spenden kauften sie Winterkleidung und Decken, die sie vor Ort verteilten. Seither ist Humanitäre Hilfe eine von drei Säulen ihrer Arbeit, von Berlin über Beirut bis nach Gaza: „Menschlichkeit fördern, Chancen schaffen, Zukunft gestalten“. So lautet der Dreiklang ihres Schaffens. 

Heute möchte ich mich dem ersten Motiv widmen: Menschlichkeit fördern. Was ist Menschlichkeit? Was lässt sie gedeihen, was verkümmern? 

Menschlichkeit wird häufig als eine Haltung verstanden, die auf einem Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen gründet, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe. Eine Haltung, die zur Handlung drängt. Der Brockhaus beschreibt Menschlichkeit oder Humanität als „Gesinnung“, die die „Bildung des Geistes und die Verwirklichung der Menschenrechte“ vereinigt. 

Menschlichkeit ist mehr als ein Ideal. Sie steckt in unserem Menschsein. Wir sind soziale Wesen, die auf Kooperation angewiesen sind. Und unsere Persönlichkeit gedeiht am bestem im gleichberechtigten Miteinander ohne Zwang und Gewalt. Menschlichkeit ist ein Potential, das wir entfalten können. Indem wir es tun, werden wir im Wortsinn zu Mitmenschen. 

Die Offenheit für andere Menschen und ihre Meinungen ist dafür wesentlich. Wir können uns und die Welt ohne die Perspektiven der anderen nicht verstehen. Hannah Arendt schrieb einmal, dass die Welt unmenschlich bleibe, wenn sie nicht dauernd von Menschen besprochen wird. Im Gespräch über die gemeinsame Welt erkennen wir die Gleichheit und Verschiedenheit anderer Menschen an. 

In einer Laudatio, die sie 1958 auf den Philosophen Karl Jaspers hält, beschreibt sie den Raum, den es dafür braucht: „Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit (…)“, sagt sie. „Nur wer sein Leben und seine Person mit in das ‚Wagnis der Öffentlichkeit‘ nimmt, kann sie erreichen.“ 

Was Hannah Arendt hier beschreibt, ist auch in der Arbeit von Transaidency allgegenwärtig, in der Humanitären Hilfe ebenso wie in der Bildungs- und Dialogarbeit: Menschen gehen das „Wagnis der Öffentlichkeit“ ein, weil sie sich entschieden haben zu handeln. Sie bringen sich mit ihrer Geschichte und Gegenwart, mit ihren Überzeugungen und Prägungen ein, um Not zu lindern, Brücken zu bauen und Perspektiven zu schaffen. 

Mit ihrer Geschichte – bei euch, den Gründer*innen von Transaidency ist dies kein Nebensatz. Ihr wisst, was Ausgrenzung, Flucht und Neubeginn bedeuten, in einer Gesellschaft, in der Rassismus weit verbreitet ist. Aber von Jouanna weiß ich, dass es auch eine andere Erfahrung gab: Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, die sie und ihre Familie unterstützt haben. Als sie 2015 das Chaos am LAGeSo erlebte, war für sie klar: jetzt übernehmen wir Verantwortung. 

Das ist die individuelle Seite der Menschlichkeit. Eine andere wird oft übersehen: auch die Gesellschaft kann menschlich oder unmenschlich organisiert sein. Damit Menschlichkeit im Individuellen gedeihen kann, braucht es im Kollektiven Gesetze, die sie schützen, und Strukturen und Ressourcen, die sie tragen. Im Umkehrschluss heißt das: in einer Gesellschaft, in der Armut, Ausbeutung und Gewalt herrschen, hat die Menschlichkeit einen schweren Stand.   

Die Menschenrechte und das Völkerrecht sind genau das: Der Versuch, innerhalb und zwischen Gesellschaften Bedingungen zu schaffen, die Menschlichkeit fördern. Wir alle wissen, dass sich die weltweiten Kräfteverhältnisse in den vergangenen zehn Jahren in die gegensätzliche Richtung verschoben haben. 

Unserer Amnesty Jahresbericht zeigt das deutlicher denn je: Eine Welt nimmt Kontur an, in der Macht, Willkür und das Recht des Stärkeren regieren. Für die allermeisten Menschen bedeutet das weniger Menschlichkeit; stattdessen: mehr Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch. 

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ist kein Schlagwort, es ist ein Straftatbestand im Völkerrecht. Und Millionen Menschen sind gerade Opfer davon. Im Sudan, wo die Konfliktparteien eine der größten humanitären Krisen der Welt verursachen. In der Ukraine, wo Russland auch im vierten Jahr seines völkerrechtswidrigen Kriegs die Zivilbevölkerung angreift. Im Gazastreifen, wo Israels Genozid an den Palästinenser*innen auch nach dem so genannten Waffenstillstand weitergeht. Oder im Westjordanland, wo israelische Behörden eine staatlich gesteuerte Politik der ethnischen Säuberung betreiben. 

Auch die Bundesregierung trägt dafür Verantwortung. Sie stellt Wirtschaftsinteressen und politische Partnerschaft zu oft über das Völkerrecht. Sie schweigt, wo Widerspruch nötig wäre. Solche Doppelstandards sind Gift für das Völkerrecht und die Menschrechte – und damit die Menschlichkeit. 

Diese Politik ist geschichtsvergessen. Denn sie schwächt die Regeln und Institutionen, die als Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden. Außerdem missachtet sie unser Grundgesetz. Denn die Einhaltung des Völkerrechts hat in Deutschland Verfassungsrang. Das muss immer unser Maßstab sein. 

Wie sehr die kollektive Ebene der Menschlichkeit mit der individuellen zusammenhängt, zeigt sich besonders klar am deutschen Diskurs über den Genozid in Gaza. 

Die Angriffe der Hamas und anderer Gruppen vom 7. Oktober 2023 sind durch nichts zu rechtfertigen. Amnesty International hat sie umfangreich dokumentiert und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. 

Das Gleiche gilt allerdings für das Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen. Auch dazu hat Amnesty International einen Bericht vorgelegt. Das Ergebnis: Israel handelt mit der Absicht, Palästinenser*innen im Gazastreifen als Gruppe zu zerstören. Das ist die juristische Definition für einen Völkermord. Mit dieser Einschätzung sind wir nicht allein. Und egal ob man sie teilt oder nicht: niemand kann ernsthaft behaupten, dass das, was in Gaza passiert, vom Völkerrecht gedeckt ist. Die deutsche Politik der Unterstützung der israelischen Regierung ist nicht zu rechtfertigen. {Opfer dieser Politik sind auch Menschen, die humanitäre Hilfe leisten. Der Gazastreifen ist der mit Abstand gefährlichste Einsatzort. Im vergangenen Jahr wurden dort 186 Mitarbeiter*innen humanitärer Organisationen getötet. Weltweit waren es 350}.

Die Menschen in Gaza haben Angehörige. Und viele von ihnen leben hier. Deutschland: hat die größte palästinensische Diaspora in Europa. Ein großer Teil davon ist in Berlin zu Hause. Diese Menschen bangen täglich um das Leben von Eltern, Geschwistern, Freund*innen, von Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Nichten. 

Doch ihr Leid, ihre Perspektiven, ihre Stimmen finden in Deutschland kaum Gehör. Im Gegenteil: Palästinasolidarische Proteste und Veranstaltungen werden behindert, verunglimpft und nicht selten verboten. 

Dabei lehnt eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die deutsche Politik gegenüber israelischen Regierung ab und fordert zum Beispiel ein Ende von Waffenlieferungen. Viele Entscheidungsträger*innen in Politik und Medien dagegen wollen nicht hören und sehen, was mit politischer und militärischer Unterstützung Deutschlands in Palästina geschieht. Das bleibt nicht ohne Folgen für unsere Menschlichkeit – auf allen Seiten. Menschlichkeit nimmt Schaden bei denen, die andere abwerten und mundtot machen. Und sie nimmt Schaden bei denen, die das erleben: Wer ständig Misstrauen erfährt, verliert irgendwann selbst das Vertrauen, zieht sich zurück, verhärtet.

Ich weiß, es ist nicht leicht, in diesen Zeiten zu vertrauen, statt zu verhärten. Doch die Menschen, die Transaidency tragen, haben sich dazu entschieden.   Während die deutsche Regierung die Augen vor den Verbrechen in Gaza und dem Westjordanland verschließt, packen die Menschen bei Transaidency weiter an: sie organisieren Soforthilfe für Gaza.  Und sie bauen zwei Zeltschulen auf, um Kindern aus den ärmsten Familien Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Jouanna sagte dazu im Dezember 2025 in der Sendung von Markus Lanz: „Hier geht es auch darum, den Kindern zu zeigen: das ist nicht das Ende Eures Lebens. Wir fangen mit Euch neu an.“

Wo andere sich zurückziehen, werden sie aktiv. Ich finde das bewundernswert. Aber ich bin sicher, es kostet auch viel Kraft. 

Ich möchte zum Schluss noch einmal Hannah Arendt zitieren. Sie beschreibt die Menschlichkeit als ein Reich, in das jeder von seinem eigenen Ursprung her eintreten kann. Und wer darin ist, sagt sie, wird zum Funken, “aufglimmend zu hellerem Leuchten, verschwindend bis zur Unsichtbarkeit, wechselnd in ständiger Bewegung”. Die Funken sehen sich, und jeder flammt heller, weil er andere sieht.

Liebe Jouanna, lieber Samer, liebe Sibel, liebe Mitarbeiter*innen von Transaidency, ich bin überzeugt, dass Eure Arbeit solche Funken sprüht. Ich wünsche Euch für die Zukunft viel Kraft und Energie, vor allem aber, dass Ihr das Vertrauen auf das Menschliche im Menschen nie verliert. Denn dann hat die Menschlichkeit eine Chance.

Vielen Dank!

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